Singapur – Die Ankunft

Wir erreichen die sauberste und best organisierte Stadt der Welt.
Hier stehen auf das Verschmutzen der Strassen hohe Geldstrafen. Niemand wirft sein Papier weg oder spuckt sein Kaugummi achtlos aus.
Ich überlege, warum das Stadtbild so anders ist, als ich es aus Hamburg gewohnt bin.
Gebäude, Strassen und Parkanlagen sind sehr gepflegt. Und noch irgendetwas ist anders.
Ach ja, es gibt keine Graffitis. Jene mit Sprühdosen an die Wand gemalten bunten Gebilde und Schriftzüge, die bei einer kleinen, aber unbeugsamen Schar von Jugendlichen in Deutschland so beliebt sind.
Ein frisch renoviertes Haus wirkt auf sie wie ein Honigbrot auf Bienen. Wer hat sich nicht schon mal bei dem Gedanken erwischt einen solchen Lümmel mal ordentlich übers Knie zu legen. Genau das wird aber in Singapur getan. Auf Graffiti sprühen stehen Stockschläge, sogenannte "Cane Strokes". Im Übrigen wird eine Menge Vergehen mit einer genau austarierten Anzahl dieser Strafart gesühnt. Das Perfide daran ist, dass ein Hieb mit diesem "Cane", einem speziellen Bambusstab, der eine genaue Stelle am Rücken trifft die gesamte Haut des Rückens aufplatzen lässt. Das wird täglich von einem hoch angesehenen Vertreter der Regierung trainiert. Hat man z.B. 5 Stockschläge aufgebrummt bekommen, so muss man nach dem 1. Schlag erst einmal ins Krankenhaus, damit die Stelle verheilt. Die 5 Schläge können sich also inklusive Heilungsprozess über ein halbes Jahr hinziehen.
Dem zivilisierten Bürger in mir sträuben sich bei dem Gedanken die moralischen Nackenhaare. Das Prinzip scheint aber erfolgreich zu sein. Eine Kriminalitätsrate von unter 0,01 % und eine Frau kann sich völlig unbehelligt des Nachts auf der Strasse bewegen, ohne Angst haben zu müssen.
Die Vergehen, die trotzdem geschehen, so wird mir erklärt, sind rein geschäftlicher Natur. Das Motiv dieser Taten ist meist Rache auf Grund von Geschäftsschulden, und das erscheint mir ein durchaus Ehrenwertes zu sein. Dafür kann man durchaus mal ein paar Stockschläge hinnehmen.
Die am schärfsten geahndeten Delikte sind neben Mord der Handel und der Gebrauch von Drogen. Sie werden mit der Todesstrafe belegt, und die wird hier durch den Strang ausgeführt. Trotzdem gibt es, so wird mir erzählt, einige völlig Verrückte, die es gerade hier besonders "chic" finden, sich auf "In"-Partys Kokain-Lines zu legen. Die Anzahl derjenigen, die diesen Kick brauchen wird aber systembedingt stetig kleiner...
Wir werden mit dem Taxi ins Hotel gebracht. Taxifahren ist sehr günstig in Singapur. Die Strecke vom Flughafen zum Sheraton Towers Hotel dauert etwa 30 Minuten und kostet umgerechnet etwa 5 Euro. Aus diesem Grund ist das Taxi ein sehr beliebtes Verkehrsmittel.
Nicht zuletzt deshalb, weil Autofahren unverhältnismäßig teuer ist. Autos sind mit hohen Luxus-Zöllen belegt, die es einem normalen Bürger fast unmöglich machen, eines zu besitzen. Die gute Seite ist, dass die Verkehrsdichte in einem erträglichen Rahmen bleibt.
Ich bin erstaunt, dass der Taxifahrer mich nicht sofort anmeckert, dass er so wenig verdient und es ihm so schlecht geht. Das bin ich so aus Deutschland gewohnt. Ich erfahre, dass die Taxifahrer hier von der Stadt fest angestellt sind. Damit entfällt der individuelle Druck, aus jeder Fahrt einen Profit zu schlagen. Auch die Taxis gehören der Stadt.
Ich bekomme also keine schlechte Laune und Unfreundlichkeit zu spüren, und erste positive Urlaubsstimmung stellt sich ein.
Das Sheraton Towers-Hotel am oberen Ende der Orchard Road, der beliebten Einkaufsmeile Singapurs, ist ein 5 Sterne Hotel mit einer imposanten Einganghalle. Hinter einer Glasscheibe rauscht ein Wasserfall.
Wir haben zwei Doppelzimmer mit einer Durchgangstür zur Verfügung, so dass wir die Kinder in einem eigenen Raum unterbringen können. Durch die Stärke des Euro ist das Hotel erschwinglich.
Kurz nach Eintreffen im Zimmer wird meine Frau unvermittelt zur Heldin. Beim Umdrehen eines Kissens im Bett der Kinder entdeckt sie eine linsengrosse Wanze, die gerade ihr Heil in der Flucht sucht. Blitzschnell erdrückt sie das Insekt. Blut des gepeinigten Vorbewohners spritzt auf den weißen Bezug.
Von meinem Vorderorient-erprobten Vater weiß ich, dass Mücken und Flöhe zwar Geißeln der Menschheit, und gerade in diesen Breiten ein besonderes Übel, sie aber im Vergleich zu Wanzen ein paar liebliche Haustiere sind. Ich habe erst kürzlich bei einer Wanderung in Griechenland erlebt, wie mein armer Vater in einem Kloster von ortsansässigen Wanzen genüsslich vernascht wurde. Er konnte tagelang nicht aus seinen zugeschwollenen Augen gucken. Das gemeine an Wanzen: man spürt es nicht, wenn sie über die Haut laufen. Zwei Weisheiten fallen mir beim Thema Wanzen ein. Sie lassen sich meist unbemerkt von der Zimmerdecke fallen, und wo eine ist sind meist auch ganze Nester.
Diese Trophäe in den Händen haltend riefen wir triumphierend beim Zimmerservice an. Man konnte förmlich hören wie die Gesichtsfarbe der Stimme am anderen Ende entwich. Wir wurden zum "Front Desk" durchgestellt. Zwei jeweils höhere Hotel-Hierarchien riefen darauf panikartig auf unserem Zimmer an. Die Nachricht machte die Runde. Kurz darauf klingelte es an unserer Zimmertür. Der Direktor vom Dienst ließ sich persönlich das erlegte Stück zeigen. Wir gaben ihm das Kissen mit, und die Wanze wackelte zum Abschied noch ein bisschen mit den Beinen.
Unser Gepäck wurde daraufhin unverzüglich in die Präsidentensuite gebracht. Dort haben wir dann genüsslich die Tage bis zum Ende unseres Aufenthalts verbracht. Ohne Aufpreis und von Wanzen und anderem Getier unbehellig. Mit einem der Situation angemessenen Gesichtsausdruck haben wir dann den Blick über die Skyline von Singapore schweifen lassen und mit Champagner auf das Wohl der Wanze angestoßen.
Fazit: Man sollte also immer eine Wanze griffbereit haben, wenn man mit dem Zimmer einmal nicht zufrieden ist.